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Mar 28, 2018 @ 08:03 by Olaf Rotax

Liebe Gründer, schaut nicht ins Valley, sondern nach China!

Was machen die Unternehmer aus Fernost besser als ihre deutschen Kollegen? Acht Tipps, wie Gründer hierzulande davon profitieren. 

Die neuen Hotspots in Hangzhou und Peking? Startups, Accelerator- und Inkubatorenzentren! Und nicht nur das: Von den 66 neuen Unicorns – Startups mit einem Wert von mindestens einer Milliarde US-Dollar oder mehr – des vergangenen Jahres stammen allein 22 aus China. Einzig die USA können das asiatische Land mit sechs Unicorns mehr überbieten; Deutschland konnte im gleichen Zeitraum eins vorweisen (Otto Bock Health Care). Von den 232 Unicorns, die derzeit auf dem Markt agieren, stammen inzwischen 62 aus China; aus Deutschland kommen vier. Berechnungen zufolge wird China bald mehr Unicorns beheimaten als die USA – die Vorreiterrolle wechselt ihren Besitzer. 

Unsere These: Deutsche Startups können trotz kultureller Unterschiede viel von chinesischen Gründern lernen. Im Reich der Mitte herrschen bessere Grundvoraussetzungen für Startups – was vor allem auf die kulturellen und politischen Unterschiede zu Deutschland zurückzuführen ist. Der große Vorteil in China: Das Digitale erfordert, anders als hierzulande, gar keine Erwähnung mehr, es ist ein selbstverständlicher Teil des Alltags.

Die chinesische Kultur hat Internet und Smartphones förmlich aufgesogen, Laptops und Desktop-PCs spielten in China nie eine so große Rolle wie in Deutschland. Für die Chinesen erfolgt der Gang ins Internet automatisch mit dem Smartphone: Im Jahr 2017 nutzten eine Milliarde Menschen in China das Internet – und dass bei einer Bevölkerungsdichte von 1,4 Milliarden. Die Chinesen surfen vorzugsweise über ihr Smartphone im Internet, und zwar zu 95 Prozent, während die Deutschen dies noch seltener tun (81 Prozent).

Erfolgsmodell WeChat

Aufgrund dieser massiven Nutzung des Smartphone – in Kombination mit dem Internet – haben sich einfache Mobile Apps zu komplexen Ökosystemen weiterentwickelt, die verschiedene Aspekte des täglichen Lebens berühren und folglich erleichtern wollen. Bestes Beispiel ist Tencents App WeChat. Gestartet als einfacher Messenger, hat sich WeChat zum täglichen Begleiter entwickelt, mit dem Nutzer unter anderem Termine beim Arzt buchen, Taxen bestellen oder Rechnungen mit dem internen Bezahldienst WeChat Pay begleichen können. Erst vor kurzem knackte WeChat die magische Grenze von einer Milliarde Nutzerkonten weltweit.

Westliche Messenger-Apps wie WhatsApp und der Facebook Messenger können zwar noch höhere Zahlen vorweisen, es gilt jedoch zu bedenken, dass diese einen internationalen Fokus haben; WeChat hingegen konzentriert sich fast ausschließlich auf dem chinesischen Markt und chinesische Nutzer. So können die meisten Funktionen der auf Mandarin ausgerichteten App im Ausland nur sehr eingeschränkt genutzt werden.

Kostenlose Förderung für Startups

Die chinesische Regierung zeigt immer mehr Interesse daran, das Image Chinas als „Copycat“ hinter sich zu lassen und als innovatives Land angesehen zu werden. China will mit seinem jüngsten Fünf-Jahres-Plan das Unternehmertum stärken und insbesondere den Mittelstand fördern. In staatlich geschützten und finanzierten Inkubatoren wie Dream Town in Hangzhou werden beispielsweise digitale Innovationen und neuartige Geschäftsmodelle gefördert. Dort werden den Gründern in hochkomplexen Einrichtungen unter anderem Büroräume und Beratungen angeboten. Darüber hinaus werden die Gründer administrativ voll unterstützt – und das kostenlos. Die Gründer sollen ihre Energie auf die Entwicklung ihres Unternehmens, ihrer Idee konzentrieren. Die Finanzierung stemmen staatliche Institutionen und private Investoren. So haben rund 7.500 Inkubatoren und Makerspaces schon rund 220.000 kleine und mittlere Unternehmen hervorgebracht.

Wie ernst es die chinesische Regierung mit ihrer Strategie meint, zeigt sich auch an ihrer neuen Offensive, die auf Studenten abzielt. Studierende, die neben dem Studium ein Startup gründen, sollen ab September bessere Noten in ihren Prüfungen erhalten. Darüber hinaus sollen Universitäten es den Gründern leichter machen, sich eine Studienauszeit zu nehmen, um sich voll und ganz ihrem Unternehmen zu widmen.

Doch auch indirekt hilft die chinesische Regierung den eigenen Startups in ihrer Entwicklung. Ausländische Unternehmen haben es aufgrund der großen Rechtlichen Unterschiede enorm schwer, sich in dem Land zu etablieren. Als größtes Hindernis erweist sich die Große Firewall, die aus staatlicher Überwachung und der Zensur verschiedener Inhalte resultiert. Sie macht es selbst Internetgiganten wie Google oder Facebook quasi unmöglich, sich in China zu positionieren. Unter diesen Schwierigkeiten leiden chinesische Startups nicht. So konnten sich unter anderem die BATX-Unternehmen als Äquivalente zu den GAFA-Firmen der westlichen Welt entwickeln: Baidu als chinesische Version von Google, Alibaba als der Gegenspieler von Amazon, Tencent (unter anderem mit WeChat im Portfolio) als chinesischer Social-Media-Riese wie Facebook.Handyhersteller Xiaomi lässt sich mit Apple vergleichen.

Drei Unicorn-Neuzugänge aus China

Toutiao (auch Jinri Toutiao) mit Sitz in Peking ist eine News- und Content-Plattform, die per Künstlicher Intelligenz und Machine Learning den Usern eine individualisierte Liste aktuellster Nachrichten, Videos, GIFs oder auch Live-Streams zur Verfügung stellt. Toutiao war einer der ersten chinesischen Dienste, der auf Algorithmen anstelle von reiner Manpower zurückgriff. Der Dienst wurde im August 2012 gestartet und erreichte im vergangenen Jahr einen Unternehmenswert in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar.

Mittlerweile vereint die zum Konzern Beijing Bytedance Technology gehörende Plattform 120 Millionen aktive Nutzer. Laut Bytedance verbringen die User durchschnittlich 74 Minuten pro Tag auf der Plattform – mehr als doppelt so lange wie auf Snapchat. Der Content wird häufig von Bloggern zur Verfügung gestellt; durch einen Algorithmus erkennt der Dienst, welche Inhalte die User präferieren und stellt so einen auf sie perfekt zugeschnittenen Newsfeed zusammen.

Schlagzeilen machte die chinesische Regierung Anfang des Jahres, als sie sich in die Geschäfte von Toutiao einmischte. Die Anschuldigung, Toutiao verbreite pornographische und vulgäre Inhalte, veranlasste den Mutterkonzern Bytedance Technology dazu, die Plattform für 24 Stunden lahmzulegen und mehr als 1.100 Blogger temporär oder endgültig vom Dienst zu suspendieren. Darüber hinaus wurde die „Society“-Sektion in „New Era“ unbenannt und steht fortan unter strenger staatlicher Überwachung. Weitere 2000 Content Reviewer will Bytedance nun präventiv anheuern – angeblich sollen Anhänger der kommunistischen Partei bevorzugt werden. Über die Jahre hat Toutiao weitere Dienste aufgekauft, unter anderem Musical.ly oder Flipagram, mit denen sie eine Brücke zum amerikanischen Markt schlagen wollen.

Mobike zählt 200 Millionen Nutzer

Mobike ist ein Fahrrad-Sharing-Dienst, der vollkommen stationslos funktioniert. Das Unternehmen mit Sitz in Peking wurde erst vor drei Jahren gegründet und ist schon jetzt drei Milliarden US-Dollar wert. Allein vergangenes Jahr investierte der Social-Media-Riese Tencent 600 Million US-Dollar in das Fahrrad-Startup. Kein ähnlicher Dienst weltweit verfügt über so viele Fahrräder wie Mobike: 30 Millionen Fahrten pro Tag kann das Startup aus dem Reich der Mitte vorweisen, 200 Millionen Nutzer sind bei Mobike angemeldet.

Erst 2017 begann das Unternehmen, auch außerhalb des Landes zu expandieren. Unter anderem starteten sie ihr Business in Florenz, London, Washington D.C., Rotterdam und in Berlin. Fahrräder von Mobike können Nutzer überall abstellen und abholen. Die Fahrräder sind mit einem Sicherheitsschloss direkt am Rad ausgestattet, das sich automatisch aufschließt, sobald man die Miete starten möchte (z.B. über einen QR Code). Das reicht dem Unternehmen jedoch noch nicht, wie Mitgründer Davis Wang auf der Fortune Brainstorm Tech International Conference in Guangzhou mitteilte: Der Einstieg in das Carsharing-Geschäft werde in Betracht gezogen. Das Geschäft ist derzeit nicht profitabel.

NIO: Mit fünf Milliarden US-Dollar bewertet

Bei NIO handelt es sich um ein 2014 gegründetes Startup, das sich auf die Herstellung von smarten Elektroautos und autonomen Fahrzeugen spezialisiert hat. Was NIO von seiner Konkurrenz unterscheidet? Die Firma sieht sich selbst als sogenanntes „User Enterprise“. Damit setzt sich das Unternehmen das Ziel, die Funktion eines Autos neu zu definieren: „In der Vergangenheit haben Autos den Menschen die Freiheit der Mobilität gegeben. In Zukunft werden Autos einen Schritt weitergehen und Menschen vom Fahren befreien, ihnen die Freiheit von mehr Zeit geben. Eine Zukunft, die wir gerne gestalten“.

Im Dezember 2017 erfolgt der Durchbruch: NIO bringt sein erstes Elektroauto – das Modell ES8 – auf den Markt. Seiner Vision entsprechend, steht hier der User im Fokus. Mithilfe von künstlicher Intelligenz und der eigenen Software NIO Pilot System werden seine Bedürfnisse passgenau angesprochen. Um seine Ideologie zu verwirklichen, setzt NIO allerdings nicht ausschließlich auf eine Verbesserung des Fahrens mittels künstlicher Intelligenz und diversen anderen technischen Entwicklungen, sondern auch auf eine Optimierung des gesamten Erlebens der Marke – vom Autokauf über Service-Leistungen hin zu Einrichtungen, die so gar nichts mit dem Produkt Auto zu tun haben.

Mit der Einführung von User Zentren, den sogenannten NIO-Houses, schafft NIO einen neuen Lebensraum für seine Kunden. NIO-Houses sind an ihre jeweiligen Standorte angepasst und beheimaten verschiedene Möglichkeiten für ihre User, zum Beispiel eine Open Kitchen oder eine Bibliothek. Nach drei Jahren zählt das Unternehmen inzwischen 20 Standorte mit mehr als 4000 Mitarbeitern weltweit. Zu seinen Investoren gehören unter anderem Chinas Internetgiganten Tencent, Baidu und Xiaomi. So wurde NIO nach seiner letzten Fundraising-Runde im November 2017 mit fünf Milliarden US-Dollar bewertet. Erst kürzlich hat das Startup einige Investmentbanken für seinen Börsengang in den USA, der Heimat von Konkurrent Tesla, beauftragt. Es geht um zwei Milliarden US-Dollar.

Acht Tipps aus Fernost

Ein wesentlicher Grund für die Unterschiede zwischen Deutschlands und Chinas Startups liegt in der Mentalität beider Nationen. Was können deutsche Unternehmer von chinesischen lernen? 

1. Chinesische Schnelligkeit

Chinas Firmen sind mitunter die schnellsten, wenn es um neue Gründungen geht. Warum? Der harte Wettbewerb zwingt sie dazu, Ideen schneller als ihre Wettbewerber auf den Markt zu bringen. Während ein Produkt von der Idee bis zur Markteinführung hierzulande circa acht Monate bis zu einem Jahr braucht, dauert dieser Prozess in Shenzhen, dem Silicon Valley of Hardware, nur etwa drei Monate.

Warum Schnelligkeit auch für deutsche Startups wichtig ist? Firmen aus dem Ausland werfen nicht nur einen Blick auf den deutschen Markt, sondern sorgen auf diesem mitunter für große Aufregung: So hat Airbnb beispielsweise das gesamte Hotelgewerbe in Deutschland herausgefordert. Um solchen Disruptoren in Zukunft einen Schritt voraus zu sein, müssen auch deutsche Startups daran arbeiten, schneller zu werden, um sich früh Marktanteile zu sichern und sich davor zu schützen, dass andere Firmen ihre Ideen klauen – so wie es chinesische Gründer tun.

2. Iterative Prozesse als Erfolgsgeheimnis

Die Fähigkeit, Angebote möglichst schnell zu entwickeln, entstammt der Vergangenheit Chinas als Copycat. Viele Firmen haben zunächst Produkte hergestellt, die sie nicht selbst entwickelt haben. Der Fokus ihrer Aktivitäten lag also eher auf der Optimierung des Herstellungsvorgangs selbst und der anschließenden Verbreitung am Markt. So haben sie zum Beispiel gelernt, schnell Prototypen auf den Markt zu bringen, um kurzfristige Nachfragen zu erfüllen.

Diese Flexibilität ist noch immer fest in den Köpfen der Chinesen verankert, wobei sich ihre Aktivitäten mittlerweile auch auf den Entwicklungsprozess erstrecken. So liegt die Kernkompetenz eines chinesischen Gründers in seiner Anpassungsfähigkeit und der Fähigkeit, schnell auf Veränderungen zu reagieren. Eine Fähigkeit, die sich auch und besonders bei der Produktentwicklung lohnt, denn insbesondere iterative Prozesse können dabei helfen, Innovationen stetig voranzutreiben. Das Herausbringen eines nicht perfekten Produkts hat also viele Vorteile – eine Tatsache, der sich deutsche Startups bewusst werden müssen. Durch stetiges Feedback der Kunden in frühen Entwicklungsphasen lässt sich schnell herausfinden, was funktioniert und was nicht. „Schwachstellen früh aufdecken statt mit der Entwicklung voranschreiten“ sollte die Devise lauten.

3. Förderungsmöglichkeiten sind der Treiber

Der Erfolg von chinesischen Startups ist zu weiten Teilen auf das breite Förderungsspektrum zurückzuführen. Laut Deutschem Startup Monitor 2017 (DSM 2017) finanzieren sich rund 82 Prozent der deutschen Startups immer noch überwiegend aus eigenen Mitteln; knapp ein Viertel der Startups weiß überhaupt nicht, ob ein regionales Netzwerk/ Cluster zur Förderung besteht. Die Startups, die hingegen Teil eines solchen Clusters sind, bewerten deren Mehrwert mehrheitlich als sehr hoch. Insbesondere staatliche Förderungsmittel werden in Deutschland noch nicht ausgeschöpft. Dies mag für den ein oder anderen Gründer nicht besonders attraktiv sein, da der damit verbundene bürokratische Aufwand für viele Startups ein großes Manko ist. Die Chinesen zeigen jedoch: Sich einen Überblick über mögliche Förderungsprogramme zu verschaffen, lohnt sich. Für fast alle Bereiche gibt es auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene Förderungsmöglichkeiten.

4. Der User steht im Mittelpunkt

Was Toutiao, Mobike, NIO & Co. so wertvoll macht, ist ihre Vision. Bei ihnen stehen die Bedürfnisse des Nutzers im Mittelpunkt – ein Grund, warum sie nicht nur eine hohe Firmenbewertung vorweisen können, sondern auch bei ihrer Zielgruppe so erfolgreich sind. Der Fokus liegt nicht auf technischer Entwicklung allein, sondern vor allem auf dem User. Chinesische Startups sehen ihren Sinn nicht darin, ausschließlich innovative Technologien zu entwickeln, sondern sehen diese als Basis an, um Produkte anbieten zu können, die die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe passgenau erfüllen.

Dabei gehen viele Firmen sogar noch weiter: Das Internet-Startup WeDoctor stellt tragbare Geräte bereit, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz insbesondere in ländlichen Gebieten zur Diagnose und zur Durchführung von Routineuntersuchungen eingesetzt werden können. WeDoctor ist damit eines von vielen Startups, das ganz spezifisch auf die Verbesserung der gesellschaftlichen Situation eingeht und seinen Kunden einen solchen Mehrwert bietet, dass sie nicht mehr darauf verzichten möchten. Für viele Chinesen stellt das Angebot der Startups eine enorme Verbesserung ihrer Lebensqualität dar.

5. Innovative Technologien sind der Schlüssel

Nahezu alle erfolgreichen Ideen aus China basieren auf Technologien. Für Chinesen lautet die Devise: Digital = normal. Sie sind der festen Überzeugung, dass insbesondere Künstliche Intelligenz den Wert eines Unternehmens ausmacht. Dies mag beispielsweise bei NIO mit autonomen Elektroautos im großen Stil funktionieren, aber auch bei Mobike und Toutiao im kleineren Stil. In Kombination mit Big Data und Algorithmen setzt KI an der Stelle an, an der andere Unternehmen scheitern. So bietet Mobike einen stationslosen Fahrradverleih an, der es Nutzern ermöglicht, die Fahrräder so zu nutzen, als wären es ihre eigenen.

Toutiao liefert seinen Nutzern Content, der genau auf ihre Interessen zugeschnitten ist. Wichtig dabei ist, dass sich Toutiao, Mobike, NIO & Co. nicht nur auf diese Technologien fokussieren, sondern viel mehr auf deren Sinn und Zweck. Hans Tung, Partner bei GGV Capital, über die Situation im Reich der Mitte: „Meiner Meinung nach sind reine KI-Forschungsfirmen und -anbieter aber nicht so aufregend wie Unternehmen, die den Verbrauchern eine echte Lösung bieten und Künstliche Intelligenz anwenden, um die Verbrauchererfahrung zu personalisieren. Reine KI-Startups sind überschätzt. Wenn man sich Firmen wie Toutiao ansieht, haben sie in den letzten Jahren den Fokus auf KI gesetzt, um den Endverbraucher zu bedienen.“

6. Fehlendes Know-How muss kein Hindernis sein

Startups sollten sich nicht durch fehlende Kompetenzen aufhalten lassen, sondern mit anderen Gründern oder externen Partnern zusammenarbeiten. So halten es auch viele chinesische Startups. Kompetenzen, auf die sich die Chinesen nach wie vor stützen, sind hauptsächlich nachgelagerte Schritte. Vorgelagerte Prozesse wie die Entwicklung von Technologie gehören zwar immer mehr dazu, stellen aber dennoch nicht ihre Kernkompetenzen dar. Chinesen sind es gewohnt, Technologien durch Lizenzverträge oder durch Reverse-Engineering zu erwerben. Experimente und Produktion selbst werden dann wieder im eigenen Haus durchgeführt.

Der Rest der Welt handhabt dies genau umgekehrt – und bleibt so eventuell bereits an fehlenden technologischen Kenntnissen hängen. Mit gebündeltem Know-How können Synergien entstehen, die zum großen Durchbruch verhelfen. Eine Möglichkeit, die chinesische Startups zur Erweiterung ihres Know-How nutzen, ist die Nutzung der Förderungsangebote. Die zahlreichen Acceleratoren und Inkubatoren stellen Ressourcen zur Verfügung, sodass sich die Gründer keine Gedanken über fehlendes Know-How machen müssen und sich auf ihre Idee konzentrieren.

7. Integration digitaler und physischer Komponenten in Ökosysteme

Eine Gemeinsamkeit, die sich bei Firmen aus dem Reich der Mitte feststellen lässt: Sie orientieren sich an der Herstellung von ganzen Systemen, die digitale mit physischen Komponenten vereinen. Mobike zum Beispiel vereint den physischen Fahrradverleih mit diversen digitalen Komponenten wie Künstlicher Intelligenz und Big Data. Das bedeutet: Chinas Unicorns fokussieren sich nicht auf die Entwicklung spezifischer digitaler Produkte wie Algorithmen, Applikationen, Chips etc., sondern auf eine Kombination verschiedener Elemente, die sich dann als Paket verkaufen lässt. Parallel dazu konzentrieren sich die Chinesen nun mehr und mehr auf technologische Innovationen und Entwicklungen. Nur ist eben der Ansatz ein anderer: Einst – wie erwähnt – als Copycat bekannt, haben chinesische Firmen gelernt, den Markt ganzheitlich zu betrachten, Geschäftsmodelle und Prozesse neu zu erfinden und zu verbessern.

Chinesen betrachten Innovationen also in einer vollständig marktorientierten Art und Weise, technische Aspekte sind hauptsächlich ein Werkzeug, um auf dem Markt erfolgreich zu sein – das ist es, was chinesische Startups so erfolgreich macht. Was die Entwicklung allein angeht, stehen deutsche Gründer ihren Gleichgesinnten aus China in Nichts nach: IT/Softwareentwicklung, Software as a Service und Industrielle Technologie/Produktion/Hardware – das sind laut DSM 2017 die Bereiche, auf die sich deutsche Startups konzentrieren. Um in Zukunft erfolgreich zu sein, müssen auch sie ihren Horizont erweitern und von der getrennten Entwicklung von Software oder Hardware absehen.

8. Open Source als Innovationstreiber

In Shenzhen, dem Silicon Valley of Hardware in China, glaubt man stark an die freie Entwicklung von Innovationen. Hersteller in Shenzhen leben von Open-Source-Hardware und -Software, in der Menschen online Informationen austauschen, um Innovationen voranzutreiben. Diese Informationen werden dann von der gesamten Community verwendet, um neue Ideen anzupassen und zu verbessern. Das Ziel dabei ist, dass jeder Zugang zu Informationen hat und jeder am Produkt mitarbeiten kann. In Shenzhen wird das als „Maker Movement“ bezeichnet.

Das Hauptproblem, das viele andere Nationalitäten hier sehen: Wie schützen wir unser geistiges Eigentum? China macht keinen Unterschied zwischen denjenigen, die Produkte aus reiner Neugier entwickeln, und denjenigen, die dies vor geschäftlichem Hintergrund tun. Die Denkweise anderer Länder beschränkt sich auf das Ziel, eine Idee zu entwickeln, an die noch niemand gedacht hat und Patente anzumelden. Jeder, der die Idee kopiert, wird verklagt. Folglich geben Unternehmen Unmengen von Geld für Anwälte aus. Am Ende werden die Produkte oft nicht einmal hergestellt. Das starke Netzwerk von Menschen, die an Innovationen zusammenarbeiten und ihre Ideen austauschen, hat das einzigartige Ökosystem der Branche für Ideen und Innovationen in China geschaffen.

Olaf Rotax ist Managing Director bei der dgroup, einer der führenden Beratungen für digitale Transformation in Europa und Teil des globalen Accenture-Netzwerkes. 

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